Verschneite Baumäste im Vordergrund rahmen einen stillen, schneebedeckten Parksee; dahinter ein winterlicher Wald im blauen Morgenlicht, ruhig und unbewegt

Nach dem Schnee

Ombra Celeste Magazin


Nach dem Schnee ist die Welt noch da. Nur anders verteilt.

Nach dem Schnee

Ich gehe am Morgen aus dem Haus, ohne dass ich etwas erwarte. Der Schnee liegt noch da, nicht frisch, nicht unberührt, eher gesetzt. Er ist nicht mehr das Ereignis der Nacht, sondern das, was geblieben ist. Die Straße sieht vertraut aus und zugleich fremd. Bordsteine sind niedriger geworden, Kanten weicher. Alles wirkt ein wenig angehalten, ohne still zu stehen.

Ich gehe denselben Weg wie sonst. Zur Arbeit, zum Bäcker, in Richtung Haltestelle. Nichts daran ist besonders. Und genau deshalb fällt mir auf, dass sich etwas verschoben hat. Geräusche sind gedämpft. Schritte klingen kürzer. Autos fahren, aber sie drängen nicht. Der Raum scheint mehr aufzunehmen, als er weitergibt.

Nach ein paar Metern merke ich, dass ich langsamer werde, ohne bewusst langsamer zu gehen. Es ist kein Vorsichtsschritt, keine Angst vor Glätte. Es ist, als würde der Körper von selbst einen anderen Takt finden. Ich hebe die Füße nicht höher, ich setze sie flacher auf. Der Weg verlangt weniger Entscheidung.

Die Häuser stehen wie immer. Fenster, Türen, Fassaden – nichts hat sich verändert. Und doch wirken sie weniger funktional. Sie scheinen nicht in Benutzung, sondern einfach vorhanden. Der Schnee nimmt ihnen nichts weg, aber er nimmt ihnen den Drang, etwas zu sein. Sie sind Volumen, nicht Zweck.

Ich bleibe kurz stehen, ohne Anlass. Nicht, um etwas zu betrachten, sondern weil der Moment keinen Druck ausübt. Niemand wartet. Nichts zieht. Der Tag ist da, aber er fordert mich nicht auf, ihn zu füllen. Das irritiert mich mehr, als es sollte.

Normalerweise trage ich den Tag schon in mir, bevor er beginnt. Termine, Abläufe, Gedanken, die vorauslaufen. Heute ist davon weniger spürbar. Nicht weg, aber leiser. Der Schnee scheint etwas von dieser Vorwegnahme aufgenommen zu haben. Er liegt nicht nur auf der Straße, sondern auch auf der Erwartung.

Der Schnee hält nichts an. Er nimmt dem Weitergehen nur den Zwang.

Ich gehe weiter und merke, dass mein Blick sich verändert. Nicht suchender, nicht konzentrierter. Eher breiter. Dinge, die sonst im Vorbeigehen verschwinden, bleiben kurz hängen. Ein Zaunpfosten, halb eingeschneit. Eine Stufe, deren Kante kaum sichtbar ist. Übergänge werden wichtiger als Ziele.

Ich denke nicht darüber nach, was der Schnee bedeutet. Diese Frage stellt sich nicht. Er ist da. Er macht den Weg nicht unpassierbar, aber auch nicht effizient. Er erlaubt mir nicht, schneller zu sein. Und er zwingt mich nicht, stehen zu bleiben. Er lässt mich einfach gehen, ohne Zielgefühl.

Mit jedem Schritt wird deutlicher, dass sich etwas in mir löst. Nicht bewusst, nicht als Entscheidung. Eher wie ein Griff, der lockerer wird. Ich halte weniger fest an dem, was als Nächstes kommt. Die Zeit wirkt nicht mehr wie eine Abfolge, sondern wie eine Fläche, über die ich mich bewege.

Ich bemerke, wie ungewohnt mir das ist. Wie sehr ich daran gewöhnt bin, dass Bewegung Sinn erzeugt. Dass etwas nur gilt, wenn es vorangeht. Der Schnee widerspricht dem nicht offen. Er bietet einfach eine andere Erfahrung an. Eine, in der Stillstand kein Mangel ist, sondern ein Zustand.

Ich erinnere mich nicht an frühere Winter. Keine konkreten Bilder, keine Szenen. Aber ich erinnere mich an ein anderes Verhältnis zu Zeit. An Tage, die nicht dicht waren. An Abläufe, die nicht permanent überprüft werden mussten. Der Schnee ruft diese Erinnerung nicht ab. Er macht sie spürbar.

Je länger ich gehe, desto weniger habe ich das Gefühl, irgendwohin zu müssen. Das Ziel ist nicht verschwunden, aber es ist weiter weggerückt. Es zieht nicht. Es wartet. Und ich merke, wie sehr mich dieses Warten beruhigt und gleichzeitig verunsichert.

Denn in dieser Ruhe liegt auch etwas Unbequemes. Wenn nichts drängt, bleibt mehr übrig von dem, was sonst übergangen wird. Gedanken tauchen auf, ohne dass sie sofort verwertet werden. Körperempfindungen melden sich, ohne dass sie eingeordnet werden müssen. Der Schnee schafft keine Leere. Er schafft Dichte.

Stillstand fühlt sich nur dann fremd an, wenn Bewegung zur Voraussetzung geworden ist.

Ich komme an eine Kreuzung. Normalerweise ein Ort des Übergangs, des Wartens, des Blicks auf die Uhr. Heute steht sie einfach da. Ampeln schalten, Autos halten, Menschen gehen. Alles funktioniert. Und doch wirkt nichts dringlich. Der Schnee hat den Ort nicht verändert, aber er hat ihm das Tempo genommen.

Ich merke, wie sehr mein Alltag sonst auf Beschleunigung eingestellt ist. Nicht als Hektik, sondern als Grundannahme. Dass alles schneller gehen könnte, wenn man nur wollte. Der Schnee entzieht dieser Annahme den Boden, ohne sie zu widerlegen. Er zeigt, dass es auch anders geht.

Ich frage mich nicht, ob das besser ist. Diese Bewertung stellt sich nicht. Es ist einfach eine andere Verteilung. Von Aufmerksamkeit. Von Gewicht. Von Zeit. Dinge, die sonst leicht sind, werden schwerer. Dinge, die sonst schwer sind, verlieren an Bedeutung.

Als ich weitergehe, spüre ich meinen Atem deutlicher. Nicht, weil er schneller oder langsamer wäre, sondern weil er gleichmäßiger wird. Er passt sich dem Gehen an, nicht umgekehrt. Der Körper übernimmt eine Führung, die sonst oft vom Kopf beansprucht wird.

Ich weiß, dass dieser Zustand nicht bleibt. Der Schnee wird schmelzen. Wege werden frei, Geräusche kehren zurück, Abläufe verdichten sich. Aber im Moment ist etwas sichtbar geworden, das sonst unter Bewegung verschwindet: dass Welt auch dann trägt, wenn sie nicht antreibt.

Ich erreiche mein Ziel, ohne das Gefühl zu haben, angekommen zu sein. Nicht, weil etwas fehlt, sondern weil nichts abgeschlossen wurde. Der Weg war kein Mittel. Er war selbst ein Zustand. Und dieser Zustand bleibt noch einen Moment bei mir, auch als ich stehen bleibe.

Der Schnee liegt da. Nicht als Zeichen. Nicht als Ausnahme. Sondern als leise Erinnerung daran, dass Zeit nicht immer drängen muss, um gültig zu sein.

Was bleibt, wenn nichts drängt

Ich bin längst nicht mehr draußen, und doch wirkt der Schnee weiter. Nicht als Bild, sondern als Verschiebung. Der Raum, in dem ich jetzt bin, hat sich nicht verändert. Der Tisch steht dort, wo er immer steht. Der Bildschirm leuchtet wie jeden Tag. Und trotzdem fühlt sich alles etwas weniger zwingend an. Als hätte sich der Druck, den Dinge sonst ausüben, minimal gelöst.

Ich bemerke das zuerst an mir selbst. An der Art, wie ich sitze. An der Haltung der Schultern. An der Geschwindigkeit, mit der ich beginne, etwas zu tun. Es ist keine bewusste Entscheidung. Eher ein Nachhall des Gehens. Der Schnee ist nicht mehr da, wo ich bin, aber er hat etwas mitgebracht.

Normalerweise schieben sich Aufgaben ineinander, kaum dass eine begonnen hat. Gedanken greifen vor, greifen über. Heute ist zwischen ihnen mehr Abstand. Nicht Leere. Eher eine Art Atem. Dinge müssen nicht sofort anschließen, um gültig zu sein. Ich lasse einen Moment liegen, ohne ihn zu füllen.

Ich merke, wie ungewohnt mir das ist. Wie sehr ich sonst darauf ausgerichtet bin, Übergänge zu verkürzen. Von einem Zustand in den nächsten, von einer Handlung zur nächsten. Der Schnee hat diese Übergänge gedehnt. Nicht sichtbar, aber spürbar. Und diese Dehnung bleibt.

Es ist kein romantisches Gefühl. Keine Ruhe, die sich gut anfühlt. Eher eine Nüchternheit. Als würde etwas wegfallen, das sonst ständig mitläuft. Ein inneres Antreiben, das nicht laut ist, aber präsent. Jetzt fehlt es. Und erst dadurch merke ich, wie sehr ich mich daran gewöhnt habe.

Ich beobachte meine Umgebung anders. Nicht suchend, nicht prüfend. Dinge dürfen stehen, ohne dass sie eine Funktion erfüllen müssen. Der Raum ist nicht Mittel zum Zweck. Er ist einfach da. Und ich bin darin, ohne ihn zu nutzen.

Man merkt erst, was trägt, wenn nichts mehr drängt.

Diese Erfahrung ist flüchtig. Ich weiß das. Sie lässt sich nicht festhalten, nicht reproduzieren. Sie ist an Bedingungen geknüpft, die sich nicht herstellen lassen. Der Schnee hat sie ermöglicht, aber nicht verursacht. Er war kein Auslöser, sondern ein Verstärker.

Ich denke an andere Momente, in denen etwas Ähnliches geschieht. In leeren Räumen. In frühen Stunden. In Situationen, in denen Abläufe kurz aussetzen. Es sind keine Ausnahmen. Sie sind selten, aber nicht fremd. Und doch behandle ich sie oft wie Übergangszustände, die möglichst schnell überwunden werden müssen.

Der Schnee hat mir gezeigt, wie sehr ich darauf trainiert bin, Dauer zu vermeiden. Alles, was nicht vorangeht, wird schnell als Stillstand gelesen. Alles, was sich nicht steigert, als Verlust. Diese Logik sitzt tief. Sie wirkt unauffällig, aber sie formt Wahrnehmung.

Jetzt, im Nachhinein, wird mir klar, dass der Schnee nichts hinzugefügt hat. Er hat etwas weggenommen. Reibung. Beschleunigung. Erwartung. Und in diesem Wegnehmen ist etwas sichtbar geworden, das sonst überlagert wird: dass Welt auch ohne ständige Bewegung tragfähig ist.

Ich merke, wie sich diese Einsicht nicht als Gedanke festsetzt, sondern als Gefühl. Nicht als Schlussfolgerung, sondern als leise Verschiebung. Ich kann sie nicht festhalten, aber ich kann sie erinnern. Nicht als Bild, sondern als Zustand.

Vielleicht ist das der Punkt, an dem Kultur beginnt. Nicht dort, wo Dinge erklärt werden. Sondern dort, wo Erfahrungen nachhallen, ohne benannt zu werden. Der Schnee hat keine Botschaft. Aber er hinterlässt eine Spur in der Art, wie ich mich bewege, wie ich Zeit wahrnehme, wie ich Nähe zu Momenten zulasse.

Ich spüre eine andere Form von Geduld. Keine, die sich wie Warten anfühlt. Eher eine, die nichts erwartet. Sie ist nicht aktiv, nicht passiv. Sie ist einfach da. Und sie verändert, wie ich auf das schaue, was kommt.

Dauer braucht keinen Beweis. Sie entsteht dort, wo nichts eingefordert wird.

Ich frage mich nicht, wie lange dieser Nachhall anhält. Diese Frage würde ihn sofort verkürzen. Es reicht, dass er da ist. Für diesen Moment. Für diese Haltung. Für diesen leichten Unterschied im Gewicht der Dinge.

Der Tag nimmt wieder Fahrt auf. Gespräche beginnen, Aufgaben fordern Aufmerksamkeit. Die Welt schiebt sich zurück in ihre gewohnte Form. Und doch bleibt etwas zurück. Kein Widerstand. Keine Verweigerung. Nur ein Wissen darum, dass es auch anders geht.

Ich merke, dass ich mich später an diesen Moment erinnern werde, ohne ihn abrufen zu können. Er wird nicht verfügbar sein. Aber er wird wirken. In kleinen Verschiebungen. In Pausen, die ich zulasse. In Wegen, die ich nicht abkürze.

Der Schnee wird verschwinden. Spuren werden frei, Kanten scharf, Abläufe dichter. Aber das, was er geöffnet hat, muss nicht mit ihm gehen. Es kann bleiben, als leise Möglichkeit. Als Erinnerung daran, dass Stillstand kein Gegenpol zur Bewegung ist, sondern Teil derselben Welt.

Ich schließe nichts ab. Ich nehme nichts mit. Und doch gehe ich weiter mit dem Gefühl, dass etwas bei mir geblieben ist. Nicht greifbar, nicht formulierbar. Aber tragend genug, um einen Moment anders zu gehen.


La fiamma che ti abbraccia – Die Flamme, die dich umarmt.

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