Vom Mut, den Tag zu verschwenden
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Ombra Celeste Magazin
Ein Lob auf das Nichtstun, das Umherschweifen, das sinnlose Verweilen. Über den Mut, Zeit zu verlieren – und dabei das Leben zu gewinnen.
Vom Mut, den Tag zu verschwenden
Manchmal ist der schönste Tag der, an dem nichts passiert. Kein Ziel, kein Plan, kein Zweck. Nur Zeit, die sich ausbreitet wie Licht am Morgen – ohne Absicht, ohne Takt. Und vielleicht liegt gerade darin eine vergessene Kunst: die Kunst, sich selbst auszuhalten, ohne etwas zu leisten.
Wir leben in einer Welt, die das Tempo vergöttert. Produktivität ist zur Religion geworden. Alles soll Sinn haben, Nutzen, Output. Selbst Erholung wird geplant, getaktet, optimiert. Aber wer hat eigentlich beschlossen, dass Sinn immer laut sein muss? Und dass Müßiggang ein Makel ist?
Vielleicht braucht es Mut, um einen Tag zu verschwenden. Nicht aus Faulheit – sondern aus Freiheit. Denn wer nichts tut, widersetzt sich der Logik des Immer-Mehr. Er lässt sich treiben, vertraut auf den Zufall, auf das, was geschieht, wenn man aufhört, zu wollen.
In einem früheren Beitrag, Über das Vergnügen, nichts zu planen, ging es darum, die Kontrolle aufzugeben. Dies hier ist die Fortsetzung: das bewusste Nichtstun – nicht als Pause, sondern als Haltung.
Der französische Schriftsteller Paul Valéry schrieb einmal: „Es gibt keine Arbeit, die so schwer ist, wie das Nichtstun.“ Und vielleicht wusste er, was er meinte. Denn in einer Welt, in der alles einen Zweck haben muss, wird das Zwecklose zum Akt der Selbstbestimmung.
Ich erinnere mich an einen Tag in Südfrankreich. Ein Café in der Sonne, ein Glas Wasser, das langsam beschlägt. Nichts zu tun. Kein Gespräch, kein Telefon, kein Plan. Nur das Geräusch der Stadt, das Murmeln von Stimmen, das Schlagen einer Tür. Und dieses Gefühl, dass Zeit plötzlich weich wird – dehnbar, sanft, unendlich.
Vielleicht ist Müßiggang nichts anderes als die Fähigkeit, Gegenwart zuzulassen. Nicht als Wartezeit, sondern als Zustand. Ein Moment, in dem du nichts festhalten musst. Und nichts beweisen.
Wer den Mut hat, nichts zu tun, verliert keine Zeit – er gewinnt sie zurück.
Wir haben verlernt, uns treiben zu lassen. Schon Kinder werden an Pläne gewöhnt. Freizeit wird strukturiert, Erlebnisse werden gebucht. Das Offene, das Ungeplante, das scheinbar Nutzlose verschwindet aus unserem Alltag. Aber das Leben, das wir so organisieren, wird dadurch nicht größer. Es wird enger.
„Müßiggang“ – das Wort klingt altmodisch, fast verdächtig. Aber vielleicht ist es nur aus der Mode geraten, weil es zu sehr nach Freiheit riecht. Denn wer nichts tut, entzieht sich. Er folgt keiner Agenda. Er wird unberechenbar. Und das ist in einer Welt, die alles misst, fast revolutionär.
Ich denke an Paris, an diese Menschen, die stundenlang an einem kleinen Tisch sitzen, mit einem Kaffee, einem Buch, einem Blick. Nicht um etwas zu erreichen – sondern weil sie da sind. Sie verschwenden Zeit mit Anmut. Und genau das macht sie lebendig.
Vielleicht ist das „Verschwenden“ gar kein Verlust. Vielleicht ist es eine Rückgabe. Eine Geste an die Zeit selbst: Hier, nimm mich. Ich muss nichts aus dir machen.
In Das kleine Glück am Rand der Tage ging es um die beiläufigen Momente. Auch Müßiggang gehört dazu. Denn die schönsten Stunden sind oft jene, die keinen Zweck erfüllen – und sich deshalb anfühlen wie Freiheit.
Ich erinnere mich an Nachmittage, an denen ich mich einfach irgendwo hinsetzte. Ohne Grund. Ohne Ziel. Die Sonne fiel auf den Asphalt, Menschen gingen vorbei, und ich saß da – und war. Nicht erfolgreich, nicht produktiv, nicht besonders. Nur da. Und das genügte.
Zeit verschwenden heißt, sie wirklich zu erleben.
Vielleicht ist das der Grund, warum wir uns nach dem Süden sehnen. Nicht wegen des Klimas oder der Landschaft – sondern wegen der Haltung. Dort darf ein Nachmittag einfach ein Nachmittag sein. Ein Espresso darf zehn Minuten dauern. Und niemand fragt, was man in der Zeit erreicht hat.
Wir verwechseln Bewegung oft mit Bedeutung. Aber was, wenn Stillstand manchmal die ehrlichere Form von Leben ist? Was, wenn das, was wir „Nichtstun“ nennen, in Wahrheit eine Rückkehr ist – zu uns, zu einem Rhythmus, der nicht getaktet ist?
Ich erinnere mich an einen Freund, der sagte: „Ich habe aufgehört, mein Leben zu managen. Jetzt lebe ich es einfach.“ Es klang banal, aber ich verstand ihn. Es war kein Rückzug, sondern eine Befreiung.
Vielleicht sollten wir uns öfter erlauben, nichts zu wissen, nichts zu planen, nichts zu wollen. Und einfach nur einen Tag zu verschwenden – mit voller Hingabe.
Denn wer den Tag verschwendet, erkennt plötzlich, wie kostbar er ist. Nicht als Ressource, sondern als Raum. Als Möglichkeit, ohne Ziel zu atmen.
In dieser Haltung liegt kein Trotz, sondern Zärtlichkeit. Sie sagt: Ich bin hier. Und das reicht. Ich bin kein Projekt. Kein Fortschritt. Kein Ergebnis. Ich bin ein Moment im Licht.
Müßiggang ist die eleganteste Form von Widerstand.
Vielleicht ist das der eigentliche Mut: nicht mehr alles erklären zu müssen. Sich der Bedeutung zu entziehen, und trotzdem Bedeutung zu spüren. Nicht in der Leistung, sondern im Sein.
Am Ende bleibt vielleicht gar kein „Tag“. Kein Erfolg, keine Liste, kein Fortschritt. Nur du, ein Stück Licht, ein Atemzug – und das Wissen, dass du nichts getan hast. Und dass genau das gut war.
La fiamma che ti abbraccia – Die Flamme, die dich umarmt.