Die Linie des Sommers – Eine Fahrt, die bis heute in mir weitergeht
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Ombra Celeste Magazin
Es gibt Wege, die nicht nur durch Landschaften führen, sondern durch ein Lebensgefühl, das sich erst viel später entschlüsselt. Manche Fahrten brennen sich ein, nicht durch Orte, sondern durch das, was sie in uns öffnen. Dieser Essay erzählt von einem Sommer, einem alten Käfer Cabrio und einer Route von der Bretagne bis ans Mittelmeer – und davon, wie eine Reise aus der Jugend bis heute in mir weitergeht.
Die Linie des Sommers – Eine Fahrt, die bis heute in mir weitergeht
Der Beginn einer Richtung
Manchmal beginnt ein Weg nicht mit einem Schritt, sondern mit einem Motor, der anspringt. Mit dem Geräusch eines Käfer Cabrios, das eher klingt wie ein Lachen als wie ein Fahrzeug. Ich war um die zwanzig, jung genug, um keine Angst zu haben, und gerade alt genug, um zu ahnen, dass die Welt größer war als alles, was ich bis dahin gesehen hatte.
Wir fuhren nach Westen, immer weiter, immer tiefer in eine Landschaft, in der der Himmel schon vor Frankreich anfing. Über Landstraßen, an Feldern vorbei, durch kleine Orte, in denen die Zeit langsamer wirkte. Es war kein Ziel, das uns zog – sondern die Idee eines Sommers, der nie enden sollte.
Manchmal versteht man erst Jahre später, wie leise solche Reisen die eigene Richtung formen.
Manchmal begreift man erst viel später, dass ein Sommer ein Wendepunkt war.
Brest – Wo der Atlantik spricht
Brest ist kein Ort, an dem man ankommt – es ist ein Ort, der einen empfängt. Nicht mit Wärme, sondern mit Wahrheit.
Der Atlantik schlug mit Wellen, die hoch waren wie Häuser. Sie rollten nicht – sie kamen. Sie warfen sich gegen die Küste mit einer Kraft, die man nicht sah, sondern fühlte: in der Brust, im Boden, im Wind.
Diese Erfahrung erinnert an jene Art Stille, die stärker ist als Lautstärke – eine Stille, die Kraft trägt. In „Novemberlicht – Wenn Stille zur Stärke wird“ erzähle ich von dieser Qualität. Brest hatte genau dieses Licht, diese Art von Stille.
Wir zelteten oberhalb einer kleinen Bucht, auf einem Platz, der kaum mehr war als ein Stück Erde im Wind. Der Zeltdachstoff blähte sich nachts, als wolle er davonfliegen. Morgens roch alles nach Salz, Gras und Meer. Rau. Einfach. Wahr.
La Rochelle – Das helle Gesicht des Atlantiks
Ein paar Tage später fuhren wir weiter Richtung Süden. La Rochelle empfing uns anders als Brest: heller, wärmer, weicher.
Weiße Hafenmauern. Holz, das im Wind knarrte. Möwen, die Linien in den Himmel zogen. Ein Licht, das weniger fragte und mehr öffnete.
Wir liefen durch die Gassen, ohne Plan und ohne Uhr. Es war dieses Lebensgefühl, das man nur einmal hat: Wenn Zeit ein Geschenk ist und nicht ein Maß.
Diese besondere Verbindung zwischen Orten und innerer Resonanz findet sich auch in „Die Städte, die in uns wohnen – Venedig & Rom“. La Rochelle hatte dieselbe stille Tiefe – nur mit dem Geschmack von Salz und Wind.
Man erinnert sich nicht an Dinge, sondern an Momente, in denen man lebendig war.
Bordeaux – Toulouse: Die Straße als Versprechen
Die Straße nach Süden war wie eine Linie, die sich von selbst zog. Der Käfer vibrierte, der Wind sang, die Luft wurde goldener. Weinberge. Hügel. Orte, die in der Hitze schliefen.
Es war eine einfache Zeit. Und genau deshalb eine große.
Die Welt zog an uns vorbei wie ein Film. Jeder Kilometer war ein neuer Gedanke. Jeder Abend eine kleine Ewigkeit.
Perpignan – Wo Frankreich sich hebt
Hinter Toulouse änderte sich die Landschaft. Sie wurde kantiger, heller, intensiver. Die Pyrenäen rückten näher. Ein Gebirge, das nicht nur Raum, sondern Stimmung veränderte.
Der Käfer kämpfte sich in den Bergen im zweiten Gang nach oben. Manchmal im ersten. Aber er fuhr. Er wollte. Wir wollten.
Oben, irgendwo zwischen Felsen und Himmel, standen wir an einem Aussichtspunkt. Ich weiß nicht mehr genau wo. Aber ich weiß, wie die Luft war: klar, warm, trocken – und voller Bedeutung.
Die Pyrenäen fühlten sich an wie ein Übergang. Nicht geografisch. Innerlich.
Wege sind nicht nur Verbindungen. Sie sind Verwandlungen.
Das Mittelmeer – Wo Wärme zu Licht wird
Nach den Bergen kam der Süden. Die Luft wurde weicher. Das Licht runder. Der Horizont heller.
Wir erreichten das Mittelmeer irgendwann am Nachmittag. Ein Strand. Keine Menschen. Eine Stille, die warm war, nicht kühl.
Wir schwammen, lachten, lagen im Sand. Wir hatten kaum Geld – aber das spielte keine Rolle. Ein Zelt. Ein Abend. Ein Sommer, der nicht enden musste.
Dieses Gefühl findet sich in anderer Form in „Espresso – Ein italienisches Ritual“. Kleine Momente, die unverhältnismäßig groß im Herzen bleiben.
Die schönsten Abende sind die, in denen nichts passiert – und alles geschieht.
Die Rückfahrt – Die Melancholie des Endens
Irgendwann dreht sich jeder Weg um. Unsere Rückreise: Montpellier. Lyon. Dijon. Nancy. Deutschland.
Es war der melancholische Teil einer Reise: Man fährt zurück – aber nicht als derselbe Mensch.
Wir hatten gerade noch genug Geld für den Tank. Kurz vor der Grenze wurde es knapp. Ich erinnere mich an das Gefühl: Ein Restmünzenhaufen auf einer Tankstelle, ein letzter gefüllter Tank. Es reichte. Wie so vieles in diesem Sommer.
Was bleibt
Heute weiß ich: Dieser Sommer war eine Linie. Eine, die bis heute in mir weitergeht.
Der Atlantik zeigte mir die Größe der Welt. Die Pyrenäen ihre Höhe. Das Mittelmeer ihre Wärme. Und der alte Käfer Cabrio zeigte mir die Freiheit, die man nur einmal im Leben so fühlt.
Vielleicht enden manche Wege nie – weil sie nicht im Raum weiterlaufen, sondern in uns.
La fiamma che ti abbraccia – Die Flamme, die dich umarmt.